06.04.2020 / Karmontag - Ein Gottesdienst für Zuhause

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Ein Gottesdienst für Zuhause am Karmontag, 06.04.2020
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Sich einfinden und Gott zuwenden

 

Auch in Corona-Zeiten feiern wir Gottesdienst, nicht miteinander in der Kirche, aber im Glauben verbunden zu Hause.

 

Wir feiern ihn im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen.

 

 

„Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 14b-15)

Unter diesem Wochenspruch steht der heutige Karmontag und diese Karwoche.

 

Jesus [nahm aber zu sich die Zwölf und] sprach [zu ihnen]: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk 18, 31)

 

Jesu Weg ins Leiden, Jesu Weg ans Kreuz. Darauf richten wir in der Passionszeit unseren Blick. Betend, singend, nachdenkend gehen wir sozusagen Jesu Leidensweg mit – dieses Jahr nicht gemeinsam in der Johanneskirche, sondern jede und jeder für sich zu Hause.

 

In diesem Jahr schauen wir dabei auf Bilder, die der Pfarrer und Künstler Sieger Köder gemalt hat. Insgesamt 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu hat er in der Kirche St. Stephanus in Wasseralfingen dargestellt. Einige davon werden uns in dieser Andachtsreihe begegnen. Wenn Sie die Originale sehen wollen, gehen Sie doch bei Gelegenheit einfach dorthin. Einstweilen haben wir Ihnen eine Skizze des Bildes unten angefügt.

 

Heute ist es das Bild „Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen“.

Was in einer fernen Zeit geschah, holen wir uns so vor Augen und in unsere Gegenwart.

 

Lied: „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85, 1-3) 

 

Wir beten mit Worten aus Psalm 102:

Herr, höre mein Gebet

und lass mein Schreien zu dir kommen!

Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch

und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer.

Ich bin wie die Eule in der Einöde,

wie das Käuzchen in den Trümmern.

Du aber, Herr, bleibst ewiglich

und dein Name für und für.

Denn er schaut von seiner Heiligen Höhe,

der Herr sieht vom Himmel auf die Erde,

dass er das Seufzen der Gefangenen höre

und losmache die Kinder des Todes,

dass sie in Zion verkünden den Namen des Herrn

und sein Lob in Jerusalem.

 

Wir beten weiter.

Gott unser Vater,

unser Leid gerade in diesen Zeiten ist dir nicht verborgen 

und unser Elend ist dir nicht fremd.

Jesus dein Sohn hat als wahrer Mensch 

Leid erfahren und den Tod am Kreuz erlitten.

Tröste und bewahre uns in aller Not durch ihn,

Christus, unsern Herrn.

 

 

Höre uns nun, wenn wir in der Stille zu dir beten. 

   

Stille

 

Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich 

und gibst meiner Seele große Kraft. 

Amen.

 

Sich von Gott ansprechen lassen

 

Die Schriftlesung heute ist zugleich der Predigttext. Sie steht bei Evangelisten Markus im 15. Kapitel, die Verse 20b-22.

 

Und sie führten Jesus hinaus, dass sie ihn kreuzigten.

Und zwangen einen, der vorüberging, 

Simon von Kyrene, der vom Feld kam, 

den Vater des Alexander und des Rufus,

dass er ihm das Kreuz trage.

Und sie brachten Jesus zu der Stätte Golgatha,

das heißt übersetzt: Schädelstätte.

 

Herr, segne dein Wort an uns allen. Amen.

 

Lasst uns darauf antworten mit den Worten des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. (EG 686)

 

Predigt

„Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen“ auf www.jakobus-online.de ansehen.

 

„Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen“ – so heißt dieses Bild. 

 

Zwei Männer stehen oder gehen eng umschlungen, ihre Gesichter und Körper berühren sich. Sie ähneln einander. Allein die Farben ihrer Kleidung und ihrer Haut unterscheiden sich. Im Original hat der linke Mann ein blaues Gewand an, der rechts ein rotes. Man muss schon genauer hinschauen, um zu erkennen, wer Simon und wer Jesus ist: 

Im Gesicht des Rechten sieht man ein paar Blutstropfen, Kratzer von der Dornenkrone, die die Soldaten Jesus auf den Kopf gesetzt hatten. Todesbleich ist sein Gesicht und das rote Gewand erinnert an Blut, Symbol für den gewalttätigen Tod. 

 

Vier Hände sind auf allen vier Ecken des Bildes verteilt. Man braucht ein wenig, um sie den beiden zuzuordnen: Je eine Hand umfasst den Balken, die andere umfasst den Gefährten an der Hüfte. Die Arme überkreuzen sich hinter ihren Rücken. Die beiden halten sich aneinander. Einer trägt die Last für den anderen mit. Ihr Blick geht in die gleiche Richtung, auf den Weg vor ihnen, auf das, was jetzt kommt. 

 

Anders als es die Bibel erzählt, trägt Simon das Kreuz nicht allein. Der Künstler stellt die beiden Männer ganz eng zueinander. Sie tragen das Kreuz zusammen. Dabei war es kein Mitleid, keine Nächstenliebe, kein demonstrativer Protest von Simon. Er ist dazu gezwungen worden.

„Ich kam doch nur zufällig vorbei. Ich war auf dem Heimweg von der Arbeit, vom Feld, als sie mir entgegenkamen: die Soldaten, die Jesus antrieben und die vielen Menschen, die ihnen folgten. Stau vor dem Stadttor. So blieb ich stehen. Es war einfach Zufall, dass sie ausgerechnet mich gepackt haben: „He du, komm her!“ Dann haben sie mich gezwungen, das Kreuz zu tragen. Ich kannte ihn eigentlich nicht. Mein Sohn Rufus schon, der war einer von den Anhängern Jesu. Aber das konnten die Soldaten doch nicht wissen. Ich glaube, es war einfach Zufall, mein Schicksal eben.“

 

Zufall oder Schicksal ist es, das Menschen in solche Situationen bringt: 

Da wird der Partner krank oder dement oder braucht Pflege. Für die Frau oder den Mann bedeutet das dann, diesen Weg mitzugehen, zu stützen, mitzutragen, Nähe und Wärme zu schenken – und auf vieles zu verzichten: Zeit für sich und die eigenen Wünsche. Das Schicksal fragt nicht: „Willst du das?“ Es zwingt einen, so wie Simon gezwungen wurde, das Kreuz mit zu tragen.

 

Simon von Cyrenes Sohn, Rufus, wird in der Bibel an anderer Stelle erwähnt. Er zählt zum größeren Jüngerkreis. Was er über das Schicksal seines Vaters sagen würde?

„Ja, so könnte es gewesen sein. Mein Vater hat nicht viel Worte gemacht. 

Er war eher ein Mann der Tat, kräftig und stark von der Arbeit auf dem Feld. Vielleicht haben sie ihn deshalb ausgesucht. Er war halt zufällig der Kräftigste von allen, die gerade da waren. Manche meinen aber auch, es war Fügung: Er war der Richtige für diese Aufgabe. Ein so warmherziger Mensch. Hat manchmal einfach seinen Arm um dich gelegt und dann wusstest du: Du bist nicht allein.“

Es ist die Nähe eines Menschen, die uns ohne Worte sagen kann: Du bist nicht allein, auch nicht auf diesem letzten Weg. 

 

Dabei wirkt Simon auf diesem Bild nicht stärker als Jesus. Beide tragen eine gleich schwere Last. Aber durch die Last rücken sie enger aneinander. Manchmal erzählen Menschen davon, dass sie durch das Leiden, durch die gemeinsame Bewältigung schwieriger Zeiten, enger aneinander gerückt sind: Eheleute oder Kinder und Eltern. Manchmal erzählen sie auch davon, dass sie nicht gedacht hätten, dass sie das können, aushalten können. Aber dann seien ihnen doch Kräfte zugewachsen. 

 

Der Künstler hat die Hände besonders groß gemalt, sie wirken wie ein Rahmen für das abgebildete Geschehen: Hände können anpacken, tragen, aber auch stützen und streicheln oder einfach nur halten. Und dass es ist nicht so einfach ist, zu sehen, wem welche Hand gehört, das passt: 

So ist das manchmal, wenn ein Leid, ein schwerer Weg Menschen zusammenspannt – es ist nicht immer klar, wer dann wen trägt und hält.

 

Wie gern würden Menschen einander jetzt auch körperlich nah beistehen in schweren Stunden. Wie schwer fällt es uns auszuhalten, dass wir nicht zu Familie und Freunden gehen können, nicht zu den alten Menschen im Pflegeheim, nicht zu den Kranken im Krankenhaus, und dass manche nicht einmal mehr ihre Verstorbenen sehen und berühren können. 

Wie sehr hoffe ich, dass trotzdem jemand da ist, der einem anderen die Hand hält, vielleicht auch stellvertretend - gerade in schwerster Zeit, bei den letzten Atemzügen.

 

Und wenn dann ein Mensch von dieser Welt gegangen ist, dass jemand anderes die Hände zusammenlegt zum Beten, seine und die des Verstorbenen. Und dass die Angehörigen getröstet werden mit der Gewissheit: Jetzt hält ihn ein anderer. Jetzt hält Gott ihn.

Nicht nur Hände hat Simon auf diesem Bild. Er hat auch ein großes Ohr. 

Dass ich höre, wie ein Jünger hört“, heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Jünger haben große Ohren. Sie hören auf Gottes Wort. Doch was hört dieser Jünger wider Willen? 

 

Mir fällt das Wort Jesu ein: 

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

(Mt 11, 28-30)

 

Ein Joch – das ist ein Querholz, mit dem man früher Ochsen als Zugtiere zusammen vor einen Karren spannte. 

Wie unter einem solchen Joch sind Jesus und Simon hier zusammengespannt. Das Kreuz, der Kreuzbalken bringt die beiden zusammen, hält sie beieinander, lässt sie in die gleiche Richtung blicken. Das Leid schweißt manchmal Menschen zusammen, lässt sie einen schweren Weg gemeinsam gehen. 

 

Simon geht den Weg Jesu mit. Für uns – die wir das Geschehen von außen betrachten – sieht daran nichts leicht aus. Das Joch wirkt hart und die Last schwer. Und doch schwebt die Verheißung Jesu über diesem Bild: 

 

„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

 

Manchmal erzählen Menschen davon: dass das, was für Außenstehende so hart und schwer zu tragen aussah, dann doch leicht war, leichter zumindest als gedacht oder befürchtet. 

Wenn Menschen zusammengespannt werden unter ein Schicksal, wenn sie die Last des anderen mittragen, dann höre ich immer auch die Verheißung mit, die darüber steht. 

So wie bei der schweren Aufgabe, zuzuhören, wenn andere von erlittener Gewalt und Ängsten erzählen. 

 

„Du kannst mir anvertrauen, was auf dir lastet“, das ist die Einladung zu einem Gespräch zwischen einer jungen und alten Frau. Das Gespräch findet auf einer Bank, einer sogenannten Freundschaftsbank in Simbabwe statt. Ältere Frauen, Großmütter werden als Laientherapeutinnen ausgebildet. In einem armen Land, in dem psychische Krankheiten ein Tabu sind und es kaum Therapieplätze gibt, da sind die „Freundschaftsbänke“ erfunden worden: „Großmütter“ haben Zeit und hören zu. Sie hören Geschichten von Armut, Angst und Einsamkeit, aber auch von Gewalt in der Ehe, von Missbrauch und Verzweiflung bis hin zu Gedanken, sich etwas anzutun. 

 

Die Last, die hier ausgesprochen wird, geht durch Zuhören allein nicht weg und wird auch nicht sofort leichter. Aber was ausgesprochen, mitgeteilt wird, behandelbar. Studien haben sogar ergeben, dass die Zahl der Depressionen und die Suizidrate dadurch deutlich sank. Es ist sicher auch für diese weisen Frauen schwer, all diese Geschichten und Schicksale zu hören, die Traurigkeit und Verzweiflung auszuhalten. Aber sie haben das als ihre Aufgabe angenommen, auf sich genommen, weil es sonst niemanden gibt, der das tut.

 

Wie gut ist es, wenn gerade auch in der Corona-Zeit, bei der uns die Schutzmaßnahmen in unsere Häuser vereinzeln, Menschen die Verbindung aufnehmen und anderen ihr Ohr leihen. 

Es gibt die Telefonseelsorge und die Sorgentelefone verschiedener Institutionen. Ich weiß von einigen auch hier in der Gemeinde, dass sie jetzt viel öfter zum Telefon greifen. Ich kann Sie nur ermutigen, Menschen anzurufen, einfach jede Woche, von denen Sie wissen oder ahnen: Sie brauchen jemanden zum Reden, jemanden zum Zuhören, jemanden, der ihre Sorgen und Ängste anhört, Mitgefühl und Anteilnahme zeigt.

 

Simon von Cyrene hat die Last eines anderen mitgetragen. Die Aufgabe ist ihm zugewiesen worden. Er konnte sich nicht dagegen wehren.

Man weiß nicht, ob er ein Jünger Jesu war oder später zur ersten christlichen Gemeinde gehörte. Es ist nur ein Vers in der Bibel, der von ihm erzählt. Es bleibt offen, ob es Zufall oder Fügung war, dass er derjenige war, der Jesus nahe war auf seinem letzten Weg. 

 

Zufall, Schicksal? Simon könnte klagen, sich wütend beschweren oder Antwort verlangen auf die Frage: „Warum ich?“ Er könnte mit seinem Schicksal hadern. Davon erfahren wir nichts. So wie die Dinge standen, hätte das auch nichts geändert. 

Es gibt Situationen im Leben, in denen nichts mehr anders wird. Erlittenes Unrecht kann trotzt aller Rechtsprechung nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Die Toten holt niemand mehr zurück. Manche Krankheit kann nur gelindert werden. 

 

Aber ich glaube, dass über allen Lasten, die wir zu tragen haben, die wir mittragen oder miteinander tragen müssen, diese Verheißung steht: 

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

Amen.

 

Lied: „Befiehl du deine Wege“ (EG 361, 1-2+10-11)

 

Sich und die Welt Gott anvertrauen

 

Fürbitten

 

Gott, unser Vater,

in dieser Karwoche kommen wir zu dir

mit allem, was uns beschäftigt.

Wir danken dir:

Du siehst uns. 

Du kennst uns. 

Du bist uns nahe.

Gerade in diesen schwierigen Zeiten 

bitten wir dich für uns und für die Menschen 

überall auf der Welt: 

Wenn wir nicht mehr können, dann   

tröste du die Traurigen.

Stärke die Kranken.

Mache den Ängstlichen Mut.

Bleibe bei deiner Kirche und dieser Welt.

Lass uns wissen:

Bei dir sind wir geborgen

im Leben und im Tod.

 

Alle: Vater unser im Himmel...

 

Mit Gott gehen

 

Lied: „Nun gehören unsre Herzen“ (EG 93, 1-4) 

 

Segen

 

Der Herr segnet dich und behütet dich. 

Der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir gnädig. 

Der Herr erhebt sein Angesicht auf dich und gibt dir seinen Frieden.

 

Alle: Amen.

 

Vielleicht haben auch andere Menschen Interesse an dem kleinen Andachtsblatt? Wir schicken es auf Wunsch gerne zu. Und wenn Sie mächten, könnten Sie es anderen in den Briefkasten werfen mit einem kleinen persönlichen Gruß.

 

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche! 

 

Ihre Pfarrerin Caroline Bender