08.04.2020 / Karmittwoch - Ein Gottesdienst für Zuhause

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Eine Andacht für Zuhause am Karmittwoch, 08.04.2020 zu Dietrich Bonhoeffer
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Zum 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer am 9. April 2020 

 

Musik. 01_Von guten Mächten instrumental

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

auch heute Abend bin ich allein in unserer Johanneskirche. Allein zwar nicht ganz, Sylke Gamisch ist bei mir, aber Sie sind nicht da. Sie - die Sie auch heute zur Passionsandacht gekommen wären und die Sie mit mir zusammen einen Abend über Dietrich Bonhoeffer begehen wollten. 

 

Es ist Mittwoch, 8. April, der Vorabend vor Dietrich Bonhoeffers Todestag. Im Morgengrauen des 9. April 1944 wurde der Gefangene Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager in Flossenbürg erhängt.

 

Der Lagerarzt berichtet, dass er noch nie einen Menschen hat so gottergeben sterben sehen.

 

Seine letzten Worte sollen gewesen sein: Dies ist das Ende, für mich der Anfang eines neuen Lebens.

 

Musik 02_Ich glaube an die Universalität

 

Wer war Dietrich Bonhoeffer, Theologe, Zeitgenossen, Christ, Widerstandskämpfer, Pfarrer, Mitmensch?

Ich habe als junger Mensch erstmals von Dietrich Bonhoeffer gehört, als ich in der Göppinger Stadtkirche ein Konzert von Siegfried Fietz besucht habe und ich das Lied „Von guten Mächten“ gehört habe. Seit diesem Abend hat mich nicht nur das Lied, sondern auch Dietrich Bonhoeffer nicht mehr losgelassen, diese Persönlichkeit, die so konsequent Glaube und Nachfolge gelebt hat, und dafür auch in den letzten Tagen vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht noch umgebracht wurde.

Wir wollen uns heute Abend sein Leben vergegenwärtigen, und einige Texte hören wollen, die uns von Dietrich Bonhoeffer überliefert sind, zum Beispiel über das Walten Gottes in der Geschichte:   

 

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

 

Und wir wollen beten mit einem Gebet, 

das sehr gut auch in unsere aktuelle Situation hineinspricht.

 

Gebet in besonderer Not

 

Herr Gott,

großes Elend ist über mich gekommen.

Meine Sorgen wollen mich ersticken.

Ich weiß nicht ein noch aus.

Gott sei gnädig und hilf.

Gib Kraft zu tragen, was du schickst.

Lass die Furcht nicht über mich herrschen.

Sorge du väterlich für die Meinen,

besonders für Frau und Kinder,

schütze sie mit deiner starken Hand

vor allem Übel und vor aller Gefahr.

Barmherziger Vater, vergib mir alles,

was ich an dir und an den Menschen gesündigt habe.

Ich traue deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in deine Hand.

Mach du mit mir, wie es dir gefällt und wie es gut für mich ist.

Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei dir und du bist bei mir, mein Gott.

Herr, ich warte auf dein Heil und auf dein Reich. Amen.

 

Musik: 03_Das Leben Jesu Christi

 

Der Häftling in der Zelle 92 des Militärgefängnisse Berlin-Tegel ist ein besonderer Fall. Dietrich Bonhoeffer, 37 Jahre alt, Theologiedozent und Pfarrer ohne Lehrerlaubnis, zuletzt als Kurier der Abwehr tätig, verhaftet unter dem Verdacht der Verschwörung gegen Führer und Reich, ist der Starhäftling der Anstalt. 

 

Er kommt aus jenen besseren Kreisen, die man bisher nicht mit staatsfeindlicher Konspiration in Verbindung brachte. Der langjährige Klinikchef der Berliner Charité ist sein Vater, der Stadtkommandant von Berlin sein Onkel. Im Jahre 1943 ist ein Mann mit solchen Verbindungen noch eine seltene Erscheinung in den Gefängnissen Hitlerdeutschlands. Deshalb ist das Gefängnispersonal unsicher, wie man mit so jemandem umgehen soll. Wer hier eingeliefert wird, darf ungestraft als „Strolch“ beschimpft und als „Staatsfeind“ schikaniert werden. 

Doch der Neue in Zelle 92 verbittet sich diesen Ton. Er passt auch nicht in die herkömmlichen Kategorien. Er ist nicht da, wo er hingehört.

 

Bonhoeffer selbst scheint dies manchmal auch so zu empfinden. In seinen Aufzeichnungen und Briefen aus der Haft taucht oft die Frage nach der eigenen Identität auf. Im Sommer 1944 schreibt er ein Gedicht: „Wer bin ich?“ Es zeigt das Bild eines Menschen, der aus Widersprüchen besteht, der aus seiner Zelle tritt, „heiter und gelassen wie ein Gutsherr aus seinem Schloss“, und der zugleich, wie seine Mitgefangenen, gegen den Haftkoller, gegen Ängste und Depressionen kämpft.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle, gelassen und heiter

und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und

freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich

selbst von mir weiß. Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinliche Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allen Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Ordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott!

 

Musik 04_Gemeinschaft der Heiligen

 

 

Zum Leben Dietrich Bonhoeffers:

Als Dietrich Bonhoeffer am 4. Februar 1906 in Breslau geboren wird, ist die Welt noch in Ordnung. Seine Kinderjahre fallen in eine Epoche, die man später die gute alte Zeit nennen wird.

Dietrich ist das sechste von acht Kindern. Sein Vater Karl Bonhoeffer ist Professor für Psychiatrie und Klinikchef in Breslau. Seine Mutter Paula ist eine geborene von Hase. Ihr Vater war Theologieprofessor und zeitweilig Hofprediger Kaiser Wilhelms II. Die Familie, in der Dietrich aufwächst, gehört zur Bildungselite des Deutschen Reiches. Dietrich ist der jüngste der vier Söhne. Dietrich ist ein schöner kleiner Junge mit langen blonden Haaren und einem mädchenhaften Gesicht.

923 begann er das Studium der Theologie in Tübingen, kam dann nach einer kurzen Zeit in Rom nach Berlin, promovierte bereits mit 21 Jahren mit der Schrift: Sanctorum communio (Gemeinschaft der Heiligen), wurde 1928 Vikar in der deutschen Gemeinde in Barcelona und habilitierte sich 1929 mit der Schrift Akt und Sein. Nach einem kurzen Auslandsaufenthalt in New York wurde Bonhoeffer 1931 in Berlin-Tiergarten zum Pfarrer ordiniert und erhielt auch sehr schnell den Ruf eines guten Predigers. 1933 übernahm er in London eine Auslandspfarrstelle der deutschen Gemeinde, kehrte aber bereits 1935 wieder zurück und übernahm das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, wo er junge Vikare auf ihren Dienst im Pfarramt vorbereitete. 

In Deutschland hatte sich nämlich inzwischen die Gleichschaltung auch auf die Kirche ausgeweitet. Immer mehr schlossen sich den Deutschen Christen an, die sich fast widerspruchslos dem Nazi-Regime unterworfen hatten. Als Gegenbewegung gründete sich in diesen Jahren die Bekennende Kirche, die sich in Barmen 1934 auf der Bekenntnissynode ganz klar gegen die Gleichschaltung zur Wehr setzte. Bonhoeffer wurde mehr und mehr zu einem führenden Kopf dieser Bekennenden Kirche. 

 

Als solcher unternahm er auch eine ganze Reihe von Auslandsreisen, um in der ganzen Welt um Unterstützung für die Bekennende Kirche und ihre Ziele zu werben. Er war auch zweimal in Amerika und bekam dort das Angebot eines Lehrstuhles in Harlem. Doch er lehnte ab und begründete diese Entscheidung, dass man ihn jetzt zuhause in Deutschland brauche.

Wenn ich ehrlich bin, dann hat mich genau diese Entscheidung Bonhoeffers in seiner Biographie am allermeisten beeindruckt: Da hätte Bonhoeffer die Chance gehabt, im Exil diese schlimme Zeit zu überstehen, aber nein, er sagt; ich muss zurück, ich muss heim, ich muss nach Deutschland mit allen Konsequenzen, die sein Leben hatte. 

Und so kam Bonhoeffer wieder nach Deutschland, wurde in München der Abwehr zugeteilt, war also in Diensten des NS-Staates, hatte aber Redeverbot. Er hat mit anderen zusammen immer wieder Anschläge auf Adolf Hitler vorbereitet und durchführen wollen, aber sie scheiterten alle. 

Und so kam, was kommen musste, am 5. April 1943 ist Bonhoeffer verhaftet worden und kam zunächst ins Gefängnis nach Berlin-Tegel. In diesen beiden Jahren des Gefängnisses sind ganz viele Briefe entstanden, an die Eltern, an die Verlobte und an den engen Freund Eberhard Bethge. Dieser hat nach dem Krieg diese vielen persönlichen und auch im tiefen Glauben und Vertrauen in Gottes Führung formulierten Zeugnisse und Briefe herausgegeben unter der Überschrift: Widerstand und Ergebung.

 

Ein Beispiel, das für viele andere stehen mag -

am 23.08.1944 schreibt er an den Freund Eberhard Bethge:

 

Bitte mach Dir nie Sorgen und Gedanken um mich; aber vergiss die Fürbitte nicht, wie Du es gewiss auch nicht tust! Gottes Hand und Führung ist mir so gewiss, dass ich hoffe, immer in dieser Gewissheit bewahrt zu werden.                                                                                                    Du darfst nie daran zweifeln, dass ich dankbar und froh den Weg gehe, den ich geführt werde. 

 

Und an Silvester 1944 hat er an seine Familie die wunderbaren Verse geschrieben, die bis zum heutigen Tag bei allen Gelegenheiten, bei Taufen, bei Hochzeiten, bei Beerdigungen und bei Geburtstagen gesungen und gebetet werden:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen, 

erwarten wir getrost, was kommen mag. 

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, 

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Musik: 05_Von guten Mächten

 

Es gibt so viele wunderschöne Zitate von Bonhoeffer, 

wir wollen Ihnen noch einige mit auf den Weg geben:

 

Segen macht das Leben reich.

 

Vergebung ist ohne Anfang und Ende.

 

Weil es der Weg Gottes durch die Welt ist, 

darum wählt Jesus von Anfang an den Weg zum Kreuz.

 

Ein Ja Gottes zur schuldigen Menschheit, ein neuer Sinn für all unser Tun. 

Das ist Ostern.

 

Nur aus Unmöglichem kann die Welt erneuert werden: 

dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.

 

In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.

 

Nicht in Organisationen, nicht in Dogmen, nicht in Liturgien, nicht in frommen Herzen wird die Einheit der Kirche bestehen, sondern im Wort Gottes, in der Stimme Jesu Christi.

 

Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen: hilf mir beten und meine Gedanken sammeln; ich kann es nicht allein.

 

Wer eigene Ehre sucht, der sucht schon nicht mehr Gott und den Nächsten.

 

Ein Glaube, der nicht hofft, ist krank.

 

Der Herr der Zeiten ist Gott. Der Wendepunkt der Zeiten ist Christus. Der rechte Zeitgeist ist der Heilige Geist.

 

Musik 06_Ich glaube an die Universalität

 

Abendgebet von Dietrich Bonhoeffer

 

Herr, mein Gott, ich danke Dir, dass Du diesen Tag zu Ende gebracht hast;

ich danke Dir, dass Du Leib und Seele zur Ruhe kommen lässt.

Deine Hand war über mir und hat mich behütet und bewahrt.

Vergib allen Kleinglauben und alles Unrecht dieses Tages

und hilf, dass ich allen vergebe, die mir Unrecht getan haben.

 

Lass mich in Frieden unter Deinem Schutz schlafen

und bewahre mich vor den Anfechtungen der Finsternis.

Ich befehle Dir die Meinen, ich befehle Dir dieses Haus,

ich befehle Dir meinen Leib und meine Seele.

Gott, Dein heiliger Name sei gelobt. Amen.

 

 

Segen

 

Und so segne und behüte uns der ewige und allmächtige Gott:

der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. (+)

Alle: Amen.

 

Musik. 07_Von guten Mächten instrumental

 

Herzlichen Dank an KMD Thomas Haller und die Musikerinnen Judith, Hannah und Mirjam Rube, Claudia und Lena Dolmetsch; sowie an Sylke Gamisch für den Vortrag der Texte und unseren Techniker Sascha Bauer.

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche! 

Ihr Pfarrer Bernhard Richter