Predigt Heiligabend 2016  Dekan Ralf Drescher

 

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan! Lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an! Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören, lasst uns den Namen des Herrschers verehren.

 

Ich weiß nicht, wer von Ihnen dabei war – heute vor einer Woche, beim Weihnachtsoratorium, hier in der Stadtkirche! Ein großer, bunter Chor aus Jungen und Alten, Kleinen und Großen, ein Orchester, Solisten. Ergriffen vom Klang der Musik, so friedlich und schön – versank ich und dachte: jetzt kann es Weihnachten werden.

 

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.  Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das aber ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

 

So lautet der heutige Predigttext, liebe Gemeinde, und er steht im Johannesevangelium, Kapitel 3, die Verse 16 - 21.

Sind wir ehrlich: so arg nach Weihnachten klingt das nicht, jedenfalls nicht beim ersten Hinhören. Da ist Nikodemus, ein strenggläubiger Jude, der gesellt sich eines Abends zu Jesus und ich stelle mir vor, die beiden sitzen am Feuer und beginnen ein Gespräch über Gott und die Welt. Nikodemus war ein angesehener Mann aus der Oberschicht, ein Lehrer seines Volkes, der das Geschehen um sich herum aufmerksam beobachtete und sich so seine Gedanken machte. Und dabei war er keineswegs engstirnig oder gar reaktionär, wie viele andere Pharisäer in dieser Zeit! Seine Fragen waren ehrlich und irgendwie auch ganz persönlich motiviert: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was soll ich glauben? Woran soll ich mich orientieren? Was soll ich tun und was lassen? Wie werde ich gerecht? Und dann gibt Jesus ihm diese Antwort, wie wir sie eben im Predigttext gehört haben. Es ist die Geschichte von seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung.

Das Weihnachtsgeschehen, das Kommen Gottes, einmal nicht aus der Perspektive des Christuskindes in der Krippe, sondern aus der Perspektive des gekreuzigten und auferstandenen Christus. Das erfordert in der Tat zunächst einen ganz anderen Zugang, als sonst: kein Stall, keine Krippe, keine Maria, kein Josef, keine Tiere, keine Hirten und keine weihnachtlichen Klänge. Die Weihnachtsgeschichte, die Jesus selbst hier erzählt, ist die Ostergeschichte.

Und Jesus sagt, Gott wendet sich der Welt in der Weise zu, dass er sie retten und nicht richten will - aus lauter Liebe übrigens.

Traditionell waren im jüdischen Denken das Tun guter Werke und das persönliche Wohlergehen vor Gott ganz unmittelbar aufeinander bezogen. Jesus hätte von daher dem Nikodemus auf seine Fragen ganz einfach Folgendes antworten können: „Halte die Thora, erfülle das Gesetz Moses, so wirst du gerettet werden!“ Und damit wäre im Grunde alles gesagt, eindeutig und klar.Aber Jesus geht mit seiner Antwort jetzt weit darüber hinaus und teilt ihm - biblisch gesprochen - Gottes universalen Heilsratschluss mit.

 

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 

 

Weihnachten und Ostern liegen demnach nach ganz nahe beieinander. Denn im Kommen Gottes kommt das Licht in die Welt der Finsternis und wird die Wahrheit und die Lüge ans Licht bringen. Wer daran glaubt, wird danach leben und danach handeln und Verantwortung übernehmen. Finsternis und Licht waren dabei eine Symbolik, die den Menschen, am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., vertraut war. Mit der Finsternis verbanden sie Tod und Verderben, mit dem Licht Leben und Glück.

 

Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

 

Wer daran glaubt, wird danach leben und danach handeln und Verantwortung übernehmen. Ganz gleich ob er dabei den gekreuzigten und auferstandenen Christus ansieht oder das Kind in der Krippe.  Am Kreuz von Golgatha, liebe Gemeinde, hat Gott im letzten Dunkel dieser Welt sein Licht und seine lebendige Gegenwart aufgerichtet. Das Kreuz steht seither als Zeichen dafür, dass Sünde und Schuld, Verderben und Tod nicht mehr das letzte Wort über unserem Leben haben. Gott selbst hat damit sein Urteil gesprochen. Die Welt und die Menschen sollen gerettet und also versöhnt werden, mit sich selbst und mit Gott.

Und dann bricht mit einem Mal die ganze Wucht des Terrors über uns herein und will uns in Angst und Schrecken versetzen. Einmal mehr wird uns deutlich vor Augen geführt, wie angreifbar wir doch sind - und wie verwundbar. Und damit kann man mächtig Ängste schüren.

Man kann über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin gewiss ganz heftig streiten, wahrscheinlich muss man es sogar – aber nicht wenige Stunden nach einem Terroranschlag mit Verletzten und Toten und nicht in dieser Form. Wer die Opfer von Berlin als „Merkels Tote!“ bezeichnet, der hat für mein Empfinden jedenfalls den Boden des Anstands bereits gänzlich verlassen. Vor so viel Pietätlosigkeit empfinde ich tiefe Scham. Zwölf Menschen werden getötet, unzählige verletzt! Das trifft uns alle miteinander tief. Unser ganzes Mitgefühl gilt daher jetzt den Angehörigen und unsere Sorge den Verletzten.

In der Christnacht, liebe Gemeinde, empfinden wir die tiefe Sehnsucht nach Erlösung, nach Geborgenheit und - lassen Sie mich das so sagen - nach Heil in einem sehr umfassenden Sinn. Und gerade an Weihnachten wird uns das in besonderer Weise deutlich. Da empfinden wir alles irgendwie stärker als sonst – auch diese Sehnsucht.

Das Kind in der Krippe strahlt uns dabei an. Es ist Gottes lebendiges Zeichen, das Licht in dieser Welt und unserem Leben.

Und so stehen wir an Heiligabend, zwischen Krippe und Kreuz, zwischen Finsternis und Licht, zwischen Leben und Tod - dankbar, gerettet und gestärkt.

 

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.  

 

 

Amen.

 


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