Antikriegstag 2022 1.9. 17 Uhr Marktbrunnen Aalen

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Es ist Donnerstag, 1. September, kurz nach 17 Uhr, und ich heiße Sie alle ganz herzlich willkommen hier am Marktbrunnen inmitten dieser schönen Stadt und freue mich dass Sie da sind, ob Sie nun Kaffee trinken oder Eis essen oder Vesper bestellt haben, also gar nicht zur Mahnwache kommen wollten, aber jetzt auch zuhören. Aber besonders grüße ich natürlich Euch alle, die ihr ganz bewusst hier hergekommen seid und Euch um den Marktbrunnen versammelt habt, weil Ihr genau wisst, was heute für ein Tag ist und warum wir uns hier auch in diesem Jahr ganz einfach treffen müssen.

Der 1. September ist ja meteorologisch gesehen der Herbstanfang. Und der 1. September ist immer auch Start des neuen Ausbildungsjahres. Also viele haben heute Ihre Lehre, ihre Ausbildung begonnen, wahrscheinlich warten noch viele in den Betrieben auf junge Leute, die sie ausbilden dürfen. 

Aber wir haben uns ja in dieser Stunde aus einem anderen Grund hier am Marktbrunnen versammelt. Denn der heutige 1. September ist immer noch der Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, und das bleibt auch 83 Jahre nach Kriegsbeginn ein rabenschwarzes Datum in unserer deutschen Geschichte.

Am 1.September 1939 fiel Nazi-Deutschland in Polen ein und begann damit den Zweiten Weltkrieg, der Leid und Zerstörung brachte, und millionenfach Menschenleben auslöschte. Und von daher gehört zu diesem Tag zunächst einmal die Erinnerung, das Gedenken an all die, die in diesem schrecklichen Krieg ihr Leben lassen mussten:

an die 65 Millionen Menschen insgesamt, davon mehr als die Hälfte aus der Zivilbevölkerung,

an über sechs Millionen Deutsche,

an sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens,

an über 20 000 Sinti und Romas,

an mehrere Tausende Sozialdemokraten, Kommunisten, Homosexuelle und viele andere, die Widerstand leisteten und sich einfach nicht der Ideologie des Dritten Reiches beugen wollten, dazu mehrere hunderttausend behinderte Menschen. Auch das sogenannte Euthanasie-Programm der Nazis lässt einen bis heute schaudern.

Dazu unzählige traumatisierte Menschen, zerschmetterte Leiber, zerschmetterte Seelen, Soldaten, Männer, Frauen und Kinder. Und auch nachkommende Generationen, die die Wunden fühlen, vielleicht sogar bis zum heutigen Tag.

Und deshalb sind solche Tage wie heute sehr wichtig, Tage der Erinnerung sind, Tage, des Gedenkens und Tage der Mahnung.

Und ich bin ja richtig froh, dass heute nicht Montag ist, und wir uns den Marktplatz und die Straße nicht teilen müssen, und die Polizei uns nicht schützen und mit Absperrungen sichern muss. Denn es treffen sich ja Montag für Montag auch noch andere, die sich für sehr wichtig halten, sich Spaziergänger nennen und die gegen alles Mögliche und Unmögliche durch die Stadt ziehen. Ich möchte mal ganz ehrlich, aber auch provokativ fragen: gegen was protestieren die eigentlich, wegen Corona und gegen die Schutzmassnahmen hat diese Montagsgeschichte mal begonnen, aber dagegen gibt es ja nichts mehr zu protestieren, fast alles ist ja wieder erlaubt und möglich, und trotzdem gehen sie Montag für Montag immer noch auf die Straße. Ich habe das Gefühl, da versammeln sich Leute, die sind gegen alles, und die verdrehen auch manchmal alles. Und wir müssen aufpassen, dass zum Schluss nicht Putin, sondern Olaf Scholz oder Robert Habeck für den Krieg in der Ukraine verantwortlich gemacht werden. Solchem Unsinn dürfen Demokraten nicht tatenlos und unwidersprochen zusehen! Auch der heutige Tag will uns daran erinnern, dass Frieden und Freiheit ein verletzliches Gut ist, das verteidigt werden muss, aber bitte nicht an der Wahrheit vorbei. 

Niemand darf daran Zweifel erheben, wer seit über einem halben Jahr Kriegstreiber ist und die Ukraine in die Knie zwingen will. Die sogenannte militärische Sonderoperation ist nichts anderes als ein Vernichtungskrieg. Nicht einmal ein Minimum an Völkerrecht hält Putin ein. Und die Bomben treffen Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, unschuldige Menschen in ihren Wohnungen und Häusern. Dieser Krieg ist ein Verbrechen. Und wenn wir sehen, wie heute die Schule in der Ukraine beginnt, in den Kellern, Schutzräumen und Bunkern, dann rufe ich: das darf so nicht weitergehen. Diesem Treiben muss ein Ende gemacht werden.

Aber diese Worte heute nachmittag hier auf dem Marktplatz zu rufen, ist das Eine, auch ein Leichtes, ich weiß das. Wir sind uns einig, dass dieser Krieg ein Ende haben muss, wie alle Kriege am besten enden, bevor sie anfangen. Und dieser heutige Antikriegstag trägt ja auch die Überschrift; Für den Frieden! Gegen einen neuen Rüstungswettlauf!

Aber wie weit trägt uns heute noch das, was mich und viele über Jahrzehnte geleitet und geprägt hat: Frieden schaffen ohne Waffen - Frieden schaffen mit immer weniger Waffen!

Ich will da ganz ehrlich sein und fragen: wie bekommen wir diesen Herrn im Kreml zu Vernunft? Augenblicklich sehe ich keine Möglichkeit, keine Chance, ihn an den Verhandlungstisch zu bringen. Mit Argumenten und Diplomatie sind m.E. alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Und dann kommt mir in diesen Tagen immer wieder ein Bild in Erinnerung, das Dietrich Bonhoeffer im Dritten Reich als Widerstandskämpfer immer wieder gewählt hat.

Er sagt: wenn ein Wahnsinniger in Berlin über den Kurfürstendamm rast, dann dürfen wir nicht nur die Verletzen versorgen und die Verwundeten trösten, sondern wir müssen dem Rad in die Speichen fallen, also den Wahnsinnigen stoppen.

Dieses Bild hat sich mir sehr eingeprägt und ich würde für mich sagen: wenn wir den Menschen in der Ukraine wirklich helfen wollen, und diesen Wahnsinn und diesen Wahnsinnigen stoppen, dann braucht es in einem bestimmten Umfang auch eine Waffenlieferung. Aber das heißt für mich nicht, dass wir - wie viele fordern - dauerhaft den Rüstungshaushalt auf das Zwei-Prozent-Ziel der Nato aufstocken.

Und das heißt für mich genauso wenig, dass ein neuer Rüstungswettlauf dauerhaften Frieden bringen kann, das wird er nicht, niemals.

Und da ich mir sicher bin, dass im Zweifelsfall Putin auch die nukleare Katastrophe nicht scheuen wird, bleibt auch die weltweite Ächtung der

Atomwaffen ein wichtiges Bekenntnis. Ich habe was von 13 000 atomaren Sprengköpfen gehört, die es weltweit noch geben soll, davon einige in Büchel in der Pfalz. Das sind 13 000 zu viel. Wenn dazu im Koalitionsvertrag der Ampel als Ziel ein atomwaffenfreies Deutschland formuliert wurde, dann muss die Lagerung von Atomwaffen in Deutschland endlich beendet werden.

Auch dies wäre ein starkes Friedenszeichen.

Nun ist für mich, liebe Freunde, aber Frieden nicht nur das Schweigen von Waffen. Denn der Herr Putin greift ja nicht nur die Ukraine an, sondern letztlich die ganze Welt. Seine hybride Kriegsführung mit uns allen soll uns, dieses Land, Europa und letztlich die ganze Welt spalten, uns Angst machen, den Gashahn zudrehen, die Energieversorgung gefährden, und damit den sozialen Frieden aufs Spiel setzen. Das gehört auch zu den wahren Zielen des Herrn im Kreml.

Und das, liebe Freunde, dürfen wir nicht zulassen, wir werden die unterstützen, die es brauchen, wir werden in allen Bereichen des Lebens sparen und solidarisch zusammenstehen, um über den Winter und gut in die Zukunft zu kommen - Lasst uns miteinander dafür sorgen, dass der soziale Friede in unserem Land gewahrt bleibt.

Wir haben jetzt 77 Jahre Frieden in unserem Land. Dafür können wir sehr, sehr dankbar sein. Wir haben in dieser Zeit viel erreicht. Aber klar ist auch: wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. Für Frieden muss jeden Tag neu gekämpft, für eine friedlichere Welt muss jeden Tag neu gerungen werden.

Daher müssen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt und überall zusammenstehen.

Wir dürfen den Rechtspopulisten das Feld nicht überlassen. Was da an menschenverachtenden und Hass schürenden Parolen ausgesprochen wird, ist unerträglich.

Wir dürfen deshalb nicht müde werden, als Demokraten immer wieder neu einzutreten für Frieden und Versöhnung, gegen jegliche Form von Hass und Ausgrenzung. Allen braunen Gedanken muss stets neu die rote Karte gezeigt werden.

Den heutigen Tag verdanken wir dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der 1957 diesen 1. September zum Antikriegstag ausgerufen hat. Ganz viele Jahre habe ich diese Kundgebung mit Josef Mischko abgehalten, er hat hier in der Stadt den 1. Mai und auch diesen heutigen 1. September wesentlich geprägt. Ich möchte ihm von dieser Stelle aus ganz herzlich danken für die jahrelange Verbundenheit, sein Engagement, das weit über die Gewerkschaftsbewegung in die Gesellschaft hineinreicht. Danke Josef……

Und ich freue mich, dass seinen Part heute Bärbel Mauch übernimmt, DGB-Regionsgeschäftsführerin für Südostwürttemberg. Liebe Bärbel, wir haben Dich ja schon am 1. Mai gehört und sind uns sicher, dass Du gleich auch an dieser Stelle die richtige Tonlage finden wirst, die an diesem Tag angemessen ist.

Ich danke Euch, dass Ihr alle da seid. Ich sehe …….

Stehen wir zusammen, für eine friedlich Welt mit möglichst wenig Waffen, mit der Chance auf ein Ende des Krieges in der Ukraine und anderswo.

Denn Frieden war, ist und bleibt ein zerbrechliches Gut.

Lasst uns deshalb heute und auch in Zukunft dafür einstehen, dass Frieden bewahrt und Versöhnung gelebt wird.

Lasst uns stets dafür eintreten, dass Grundrechte und Menschenrechte nicht mit Füßen getreten werden.

Unser Zusammensein hier am Marktbrunnen ist dafür ein klares Zeichen.

Mit Herzblut und Leidenschaft, damit es uns nicht fröstelt, klimatisch nicht, und politisch erst recht nicht! 

Danke für Eure Aufmerksamkeit!

 

Aalen, 1.9.2022

Bernhard Richter

Pfarrer der Stadtkirche in Aalen

 

 

Download der Rede als PDF